Ein scheinbar nebensächlicher Blogbeitrag

Das Zwiebelfisch-ABC ist in solchen Dingen immer wieder hilfreich: der kleine, aber feine Unterschied zwischen “scheinbar” und “anscheinend”.

In den meisten Fällen, in denen scheinbar gebraucht wird, ist in Wirklichkeit anscheinend gemeint. Die beiden Wörter sind keinesfalls gleichbedeutend.
“Anscheinend” drückt die Vermutung aus, dass etwas so ist, wie es zu sein scheint: Anscheinend ist der Kollege krank, anscheinend hat keiner zugehört, anscheinend hat der Chef mal wieder schlechte Laune.
“Scheinbar” hingegen sagt, dass etwas nur dem äußeren Eindruck nach, nicht aber tatsächlich so ist: Scheinbar interessierte er sich mehr für die Nachrichten (in Wahrheit wollte er bloß seine Ruhe haben); scheinbar war der Riese kleiner als der Zwerg (weil der Zwerg ganz weit vorne stand und der Riese ganz weit hinten); scheinbar endlos zieht sich die Wüste.
Statt “Das ist ihm scheinbar egal” oder “Scheinbar hat es keiner gewusst” muss es heißen: “Das ist ihm anscheinend egal” und “Anscheinend hat es keiner gewusst”. Andernfalls würde es bedeuten, die Gleichgültigkeit und die Unwissenheit wären nur vorgetäuscht.

Zwiebelfisch-Abc: scheinbar/anscheinend – SPIEGEL ONLINE

Mutter aller Motive der guten Vorsätze bereits 22 Stunden nach Neujahr gefunden: “Die Feststellung geistiger Kurzatmigkeit vieler Mitmenschen ist nichts, was einen entmutigen dürfte – im Gegenteil: sie hat Ansporn zu sein, denn sie hat Aufgabencharakter.”

Neue Runde, neues Glück

Allens, wat in’t ole Johr
scheef loopen is un krumm,
dat moken wi nu annersrum.

In diesem Sinne, frohes Neues!
(Da fällt mir auf: Warum wünscht man sich eigentlich ein “frohes Neues”? Dieses doch recht jungfräuliche, erst wenige Sekunden alte Jahr kann doch nicht “froh” sein. (Wenn ein Jahr überhaupt irgendeine Gefühlsregung hat, dann wohl die der hoffnungslosen Überrumpelung, wenn siebenmilliarden Datumsumbruchfeiernder hereintrampeln!)
Oder sollte der in das neue Jahr Hinüberrutschende gefälligst froh sein, es nun endlich gesund und in einem Stück geschafft zu haben? Sich nicht bei all der Feierei Hand und Hirn mit illegalen Böllern aus Tschechien weggesprengt zu haben? Dann ist das eine unerhört platte, mut- und farblose Form des vorausgreifenden Enthusiasmus! Ein erfolgreiches Neues, ein irre vielfältiges Neues, ein wahnsinnig unerwartet schroffes Neues, ein total überbewertetes Neues, okay. Aber “froh”? Das hört sich doch bitte sehr nach “nett” an. Und das hört sich wiederrum sehr nach scheißdreck an: ein nettes Neues.
“Und? Wie gefällt dir mein neuer Kaschmir-Schal?”
“Mhm, ganz nett.”

2012 - da können wir aber alle ganz schön froh sein, wieder dabei zu sein.
Neue Runde, neues Glück.)

Erdlochprophezeihungen

Es würde sicher bald zu schneien begonnen haben, als sich diesen Freitag unter lautem rumpeln und poltern die Erde in Ratingen auftat und ein klaffendes Loch unbekannter Tiefe hinterlies. Die Feuerwehr war natürlich sofort zur Stelle, doch da es nichts zu löschen gab, konnte sie nur in die Röhre blicken, oder – in diesem speziellen Fall – eben nur in den Schacht. Bewohner der Straße “An der Hoffnung”, in der sich der Zwischenfall ereignete, waren allenthalben schockiert und ratlos über die spontane Erdlocheröffnung, eröffnen doch sonst nur Möbelhäuser oder Mega-Küchen-Fachmärkte in dieser Gegend. Der Bürgermeister bezog bis zur jetzigen Stunde noch keine Stellung, von Rücktritt war aber auch noch nicht die Rede.
Manch spitzfindige Politiker in den Reihen der CDU mögen sich nun die Hände reiben und an einen verfrühten Weihnachtssegen glauben, wenn da der Baustopp über einen Bahnhof und dort der Baustopp über ein Endlager verhängt wird und sich just dieser Tage die Erde in Ratingen mit einem gähnenden Loch auftut. Wenn schon die Endlagersuche in Gorleben so mutlos ergebnisoffen verlief, dann böte sich nun eine fabelhafte Option: Den Castor also direkt ins Loch rollen lassen; ein, zwei, drei Kritiker gleich schwupps hinterher, verbucht als sogenannte Erdlochkollateralschäden. Das alles Gute nur von oben käme ist halt doch nur die eine Seite der Wahrheit.
Manch ein sich aus lauter Erklärungsnotstand den Mund fusslig redender Politiker der FDP mag nun die Hände jubelnd zum Himmel werfen, denn weder für parteiinterne Grabenkämpfe noch für Umfragewerte unbekannter Tiefe muss sich die FDP nun schämen, reicht doch ein beschwichtigender Fingerzeug rüber nach Nordrhein-Westfalen, wo sich nun schließlich ganz andere Gräben auftun.
Und auch der gemeine Steuerhinterzieher braucht seit diesem Freitag die Daten-CD versendende Guerillataktik der Schweiz nicht mehr zu fürchten: Wer braucht schon Südseesteueroasen, wenn sich ein weiteres Schlupfloch direkt vor der eigenen Haustür auftut?
Und von Christian Wulff? Derzeit keine Spur von ihm. Der noch amtierende Bundespräsident zog es eh schon seit ein paar Tagen vor, eher über den Anwalt mit dem Volk zu kommunizieren, anstatt direkt und in persona. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.
Ist das Loch in Ratingen am Ende gar Vorbote für das bevorstehende Armageddon 2012 im emmerich’schen Sinn, also mit viel Tamtam und Kitsch? Wie man es auch drehen und wenden mag: Wenn sich also die Erde am schönen Rhein auftut, entlang einer Straße namens “An der Hoffnung”, so kann diese Meldung nur prophetischen Charakter haben. Wir bleiben gespannt und warten auf die nächste Erdöffnung.
Bestimmt ganz bald, auch in ihrer Nähe.

Spieglein, Spieglein



Du hörst gar nicht mehr auf zu reden, Kind.
Das hatten wir doch schon tausend Mal.
Warum fängst du wieder von vorne damit an?
Ich kann das wirklich nicht mehr hörn…
Oh, deine Zukunft ist so ungewiss,
Dein Leben voller Angst und Schiss, du fängst erst gar nichts an,
Denn es ist so gemütlich und sicher,
Auf deiner Insel voller Leid, jaja…

Und jetzt schau dich an.
Und sag mir dann:
Denkst du wirklich, du wärst so interessant
Wenn du dich suhlst in deinem Schmerz?
Bla, bla, bla… Ist es wirklich so toll,
Hilflos zu sein? Du bist so groß und machst dich selbst so seltsam klein.
Du bist immer so fixiert auf das, was noch fehlt.
Und jetzt schau nicht so gequält – das sieht scheiße aus…

Ich mein, das Leben ist nicht einfach,
doch ein bisschen was geht immer, du sagst, du hast alles versucht,
doch du versumpfst in deinem Zimmer, du kannst doch gehn wohin du willst,
du kannst gehn wohin du willst, doch du bleibst,
du bist sowas von feige und träge.
Sei doch ehrlich, sei doch ehrlich, sei doch ehrlich, sei doch einmal ehrlich…

Und jetzt schau dich an.
Und sag mir dann:
Denkst du wirklich, du wärst so interessant
Wenn du dich suhlst in deinem Schmerz?
Bla, bla, bla… Ist es wirklich so toll
Hilflos zu sein? Du bist so groß und machst dich selbst so seltsam klein.
Du bist immer so fixiert auf das, was noch fehlt
Und jetzt schau nicht so gequält – das sieht scheiße aus…

- Gisbert zu Knyphausen (iTunes Link)

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